Wenn plötzlich die Mittel fehlen, 01.06.2026
Was geschieht an Hochschulen, wenn Förderlinien wegbrechen, Projektstellen auslaufen und mühsam aufgebaute Nachhaltigkeitsstrukturen plötzlich nicht mehr abgesichert sind? Im Land Hessen erleben derzeit viele Hochschulen genau diese Situation. Was über Jahre entstanden ist, steht unter Druck – nicht nur sachlich und organisatorisch, sondern auch emotional.
In diesem Hub wurde auf beides geschaut: auf die strukturelle Seite solcher Einschnitte und auf die persönliche Erfahrung, wenn Engagement, Beziehungen und aufgebaute Vorhaben unerwartet an Halt verlieren. Wie geht man damit um, wenn etwas, das Zukunft eröffnet hat, plötzlich nicht mehr weitergeführt werden kann? Was hilft, handlungsfähig zu bleiben? Und welche Erfahrungen machen andere Hochschulen in ähnlichen Situationen?
Dr. Jana Winter und Georg Mösbauer von der Universität Kassel berichteten in einem kurzen Impuls, was sich dort konkret verändert hat und wie sie mit dieser Situation umgehen.
| Wenn plötzlich die Mittel fehlen, 01.06.2026 | |
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Mo 01 Juni 2026 13:00 Uhr
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Agenda und Informationen

Der Hub hat am Fall der Universität Kassel hat sichtbar gemacht, dass Nachhaltigkeit an Hochschulen nicht primär an fehlenden Argumenten scheitert, sondern an fehlender institutioneller Bedeutungsabsicherung. Die zugespitzte Erkenntnis lautet: Ein Thema hat nicht dadurch Bedeutung, dass es rhetorisch bejaht wird, sondern dadurch, dass es dauerhaft Ressourcen, Zuständigkeit, Zeit, Aufmerksamkeit und Entscheidungsmacht erhält.
Zugleich wurde deutlich, dass Nachhaltigkeitsakteure in einem schwierigen Spannungsfeld arbeiten: zwischen Engagement und Entwertung, zwischen Verzweiflung und Zuversicht, zwischen institutioneller Ohnmacht und dem Anspruch, trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Der Hub war damit nicht nur eine Analyse eines Ressourcenproblems, sondern auch eine Reflexion darüber, wie Menschen in solchen Strukturen gesund, verbunden und wirksam bleiben können.
Auch wurde gezeigt, was fehlende Mittel sichtbar machen: Nachhaltigkeit hat an Hochschulen vielerorts noch keine ausreichend gesicherte institutionelle Bedeutung.
Nachhaltigkeit an Hochschulen leidet nicht primär an fehlendem Engagement, fehlenden Ideen oder fehlender moralischer Einsicht. Sie leidet daran, dass ihre Bedeutung nicht dort erzeugt und abgesichert wird, wo Hochschulen tatsächlich entscheiden: bei Ressourcen, Dauerstellen, Zuständigkeiten, Leitungsentscheidungen, Curricula, Infrastruktur, Governance, professoraler Macht und strategischer Priorität.
Solange Nachhaltigkeit vor allem über befristete Projekte, randständige Akteure und zusätzliche Aufgaben getragen wird, bleibt sie abhängig von externen Mitteln und individueller Energie. Wenn diese Mittel wegfallen, zeigt sich, dass das Thema institutionell nie vollständig angekommen war.
Die Frage muss deshalb verschoben werden. Nicht nur: Wie überzeugen Nachhaltigkeitsakteure die Hochschule besser? Sondern: Warum hat die Hochschule Strukturen geschaffen, in denen Nachhaltigkeitsakteure ein Thema tragen sollen, dessen Bedeutung die Institution selbst nicht ausreichend absichert?
Und noch weiter: Wie kann Hochschule als Institution lernen, Nachhaltigkeit nicht als zusätzliche Zumutung zu behandeln, sondern als Prüfstein ihrer Zukunftsfähigkeit?
Bedeutung für das Thema Nachhaltigkeit
Bedeutung geht über Ressourcen. Wenn ein Thema keine Stellen, keine Budgets, keine verlässlichen Strukturen und keine organisatorische Macht erhält, dann bleibt seine Bedeutung prekär, auch wenn es in Leitbildern, Strategien oder politischen Programmen hoch bewertet wird.
Gerade bei Querschnittsthemen zeigt sich diese Prekarität besonders deutlich. Wenn Hochschulen sparen müssen, sparen sie häufig dort, wo keine starken Eigentümerstrukturen bestehen, wo Stellen befristet sind und wo das System am wenigsten Widerstand erwartet. Nachhaltigkeit wird dann nicht als Kernaufgabe behandelt, sondern als etwas, das bei Mittelknappheit wieder reduziert werden kann.
Eine zentrale Vertiefung des Hubs war die Frage, wer einem Thema eigentlich Bedeutung verschafft. Dabei wurde deutlich: Es ist möglicherweise gar nicht die Aufgabe der Menschen in Nachhaltigkeitsstellen, dem Nachhaltigkeitsthema aus eigener Kraft institutionelle Bedeutung zu geben. Sie können daran mitarbeiten, übersetzen, verbinden, koordinieren, erinnern und irritieren. Aber sie können nicht allein entscheiden, ob Nachhaltigkeit in der Organisation wirklich zählt.
Bedeutung wird an anderer Stelle erzeugt: durch Hochschulleitungen, Ministerien, Finanzierungslogiken, Berufungsverfahren, Zielvereinbarungen, Prüfungsordnungen, Infrastrukturentscheidungen, Dauerstellen, Gremienmacht und strategische Prioritätensetzung. Nachhaltigkeitsakteure werden oft mit der Erwartung ausgestattet, ein Thema in die Organisation zu tragen, ohne über die Mittel zu verfügen, die nötig wären, damit dieses Thema wirklich organisationswirksam wird.
Darin spiegelt sich an Hochschulen dieselbe Ambivalenz wie in der Gesellschaft: Nachhaltigkeit wird verbal anerkannt, aber praktisch nachrangig behandelt. Sie erhält moralische Zustimmung, aber zu wenig Geld. Sie erhält strategische Aufmerksamkeit, aber zu wenig Zeit. Sie wird als wichtig bezeichnet, aber die schon vorhandenen Themen behalten Vorrang, weil sie etablierte Zuständigkeiten, Budgets, Routinen und Machtpositionen haben.
Das neue Thema wird dadurch immer wieder ganz hinten angestellt. Die alten Themen haben bereits Bedeutung, weil sie historisch gewachsen, institutionell abgesichert und mit Ressourcen verbunden sind. Nachhaltigkeit soll hinzukommen, aber möglichst ohne die bestehenden Bedeutungsordnungen substanziell zu stören. Genau das kann nicht funktionieren. Ein neues Thema wächst nicht dadurch, dass es dauerhaft als Zusatzaufgabe behandelt wird.
Nachhaltigkeit ist deshalb eine Wirklichkeitsanfrage. Sie fragt nicht nur nach einzelnen Maßnahmen, sondern stellt geltende Vorstellungen von Hochschule, Erfolg, Modernisierung, Autonomie, Effizienz und Verantwortung infrage. Sie gerät damit in Konflikt mit den vorherrschenden Wirklichkeitsbedeutungen. Die eigentliche Frage lautet also nicht nur: Wie machen wir bessere Nachhaltigkeitsprojekte? Sondern: Wer entscheidet, was in der Hochschule Wirklichkeit werden darf?
Hochschulen zwischen Komplexitätszumutung und Komplexitätsverweigerung
Ein weiterer Befund war, dass Hochschulen zunehmend mit gesellschaftlichen Aufgaben aufgeladen werden. Sie sollen Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Transfer, Diversität, Internationalisierung, Demokratiebildung, psychische Gesundheit, Fachkräftesicherung und vieles mehr bearbeiten. Jede Institution und jede Rolle soll immer mehr gleichzeitig leisten.
Dahinter steht eine Komplexitätszumutung. Hochschulen müssten eigentlich Institutionen sein, die gesellschaftliche Komplexität besonders gut bearbeiten können. Sie sind Orte, an denen Wirklichkeit erforscht, beschrieben, kritisiert und neu entworfen wird. In diesem Sinne müssten sie der Gesellschaft dabei helfen, eine höhere Komplexitätsstufe zu bewältigen.
Gleichzeitig scheinen sie organisatorisch oft nicht bereit oder nicht fähig zu sein, sich selbst auf diese Komplexitätsstufe zu stellen. Sie reagieren auf neue Querschnittsthemen häufig nicht mit struktureller Transformation, sondern mit Projekten, Sonderstellen, Green Offices, Stabsstellen, Arbeitsgruppen und befristeten Programmen. Dadurch wird Komplexität ausgelagert, statt in die Kernstruktur der Hochschule aufgenommen zu werden.
Hinzu kommt ein politischer Widerspruch. Die Politik setzt Bedeutung, indem sie Nachhaltigkeit fordert. Gleichzeitig hält sie das Autonomieprinzip der Hochschulen hoch. Das führt zu einer problematischen Doppelbewegung: Von außen wird gesagt, Nachhaltigkeit sei wichtig; von innen sollen die Hochschulen selbst entscheiden, wie weit sie damit gehen. Wenn aber keine verbindlichen Ressourcen, keine klaren Verpflichtungen und keine strukturelle Absicherung folgen, bleibt die politische Bedeutungssetzung halbiert.
Die Folge ist eine Verantwortungsverschiebung. Gesellschaft und Politik formulieren hohe Erwartungen, aber die konkrete Überlastung landet bei Hochschulen, Hochschulleitungen, Verwaltungen, Mittelbau, Nachhaltigkeitsstellen und einzelnen engagierten Personen. Das System verlangt Transformation, ohne die dafür notwendige Transformationsfähigkeit ausreichend zu finanzieren oder institutionell zu organisieren.
Betrieb, Verwaltung und Schauseite: Nachhaltigkeit zwischen drei Logiken
Am Fall Kassel wurde außerdem sichtbar, dass Nachhaltigkeit stark im Bereich Betrieb, Verwaltung und Kanzlerlogik aufgegangen ist. Es ging um Campus, Stoffströme, Energieströme, Betrieb und organisatorische Abläufe. Forschung und Lehre standen weniger im Zentrum.
Darin liegt eine wichtige Unterscheidung. Für die Schauseite der Hochschule — also für das, womit sich Hochschulen nach außen darstellen — sind Forschung und Lehre zentral. Dort will die Hochschule zeigen, wofür sie wissenschaftlich steht. Nachhaltigkeit eignet sich für diese Schauseite durchaus: Sie kann in Strategien, Projekten, Studiengängen, Forschungsverbünden und öffentlichen Selbstbeschreibungen auftauchen. Gleichzeitig besteht dort die Gefahr, dass kleine Einzelaktivitäten symbolisch überhöht werden.
Der Betrieb dagegen soll aus Sicht von Forschung und Lehre möglichst geräuschlos und zumutungslos im Hintergrund funktionieren. Verwaltung, Gebäude, Energie, Beschaffung, Mobilität, Flächenmanagement und technische Infrastruktur sollen ermöglichen, dass Wissenschaft arbeiten kann. Sobald aus diesem Hintergrund Zumutungen entstehen — etwa Vorgaben zu Reisen, Energieverbrauch, Beschaffung, Raumnutzung oder Mobilität — wird das schnell als Eingriff in wissenschaftliche Freiheit oder als administrative Belastung erlebt.
Hier treffen mindestens drei Logiken aufeinander.
Erstens die Logik von Forschung und Lehre: Autonomie, Fachlichkeit, Freiheit, Reputation, Erkenntnisproduktion.
Zweitens die Logik der Verwaltung und des öffentlichen Dienstes: Verfahren, Zuständigkeit, Rechtssicherheit, Haushalt, Ordnung, Umsetzbarkeit.
Drittens die Logik der Nachhaltigkeit: Transformation, langfristige Folgen, Reduktion von Verbräuchen, Begrenzung, Priorisierung, Zumutung.
Diese drei Logiken passen nicht einfach ineinander. Verwaltung soll Forschung und Lehre dienen, macht aber aus ihrer eigenen Logik heraus viele Vorgaben. Forschung und Lehre verlangen Autonomie, sind aber zugleich auf eine funktionierende institutionelle Infrastruktur angewiesen. Nachhaltigkeit braucht Veränderungen in beiden Bereichen, wird aber von beiden Seiten leicht als Zusatzbelastung erlebt.
Das erklärt, warum Nachhaltigkeit im Betrieb einerseits praktisch relevant wird, andererseits aber institutionell unsichtbar bleiben kann. Wenn Nachhaltigkeit nur im Hintergrundbetrieb bearbeitet wird, erreicht sie nicht die Schauseite der Hochschule. Wenn sie nur auf der Schauseite erscheint, bleibt sie symbolisch. Die ungelöste Aufgabe besteht darin, Betrieb, Forschung und Lehre nicht gegeneinander zu stellen, sondern Nachhaltigkeit in allen drei Logiken wirksam zu verankern.
Die fehlende Meta-Erzählung von Hochschule
Die Frage nach einer positiven Erzählung von Nachhaltigkeit wurde ebenfalls berührt. Die weiterführende Erkenntnis ist: Vielleicht reicht eine positive Nachhaltigkeitserzählung gar nicht aus. Es braucht eher eine modernisierte Meta-Erzählung von Hochschule.
Hochschulen wären dann nicht nur Orte der Wissensgenerierung und Wissensvermittlung. Sie wären auch Orte, an denen gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit institutionell erprobt wird. Sie würden nicht nur über Transformation forschen, sondern selbst zeigen, wie Institutionen unter Bedingungen ökologischer, sozialer und politischer Krisen handlungsfähig werden können.
Das wäre eine andere Selbstbeschreibung von Hochschule. Nicht: Wir haben zusätzlich noch Nachhaltigkeit. Sondern: An der Art, wie wir mit Nachhaltigkeit umgehen, entscheidet sich, ob Hochschule ihre gesellschaftliche Rolle unter veränderten Wirklichkeitsbedingungen noch versteht.
Diese Meta-Erzählung müsste auch die Spannung zwischen Autonomie und Verantwortung neu fassen. Hochschulautonomie dürfte dann nicht nur bedeuten, dass Hochschulen äußere Zumutungen abwehren können. Sie müsste auch bedeuten, dass Hochschulen aus eigener Freiheit heraus Verantwortung für die Bedingungen ihrer Zukunftsfähigkeit übernehmen.
Kontrollverlust, Zwangszuversicht und die Schwierigkeit ehrlicher Diagnose
Ein besonders scharfer und produktiver Gedanke war der Vergleich mit dem ersten Schritt der Anonymen Alkoholiker: das uneingeschränkte Eingeständnis, die Kontrolle verloren zu haben. Noch genauer: Vielleicht haben die Nachhaltigkeitsakteure die Kontrolle über das Thema Nachhaltigkeit an Hochschulen nie wirklich gewinnen können.
Das ist keine Abwertung der geleisteten Arbeit. Es heißt nicht, dass nichts Einzelnes gelungen wäre. Es heißt vielmehr: Die bisherige Form der Bearbeitung hat nicht ausgereicht, um Nachhaltigkeit institutionell wirklich zu verankern. Befristete Projekte, randständige Teams, engagierte Einzelpersonen, Green Offices und symbolische Maßnahmen können Aufmerksamkeit erzeugen, aber sie erzeugen nicht automatisch verbindliche Bedeutung.