Service Learning BNE - Leitfaden

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Im vom BMFTR geörderten Projekt Senatra wurde der hochschuldidaktische Leitfaden "Service Learning in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung" entwickelt, der 2026 veröffentlicht wurde[1].

Zielgruppe: Der Leitfaden richtet sich an Lehrende aller Fachrichtungen, insbesondere an diejenigen, die bislang wenig oder keine Erfahrung mit Service Learning haben und nach einer fundierten, praxis-nahen Orientierung für den Einstieg suchen. Angesprochen sind zudem Studiengangsverantwortliche, die Service Learning als Baustein in ihre Curricula integrieren möchten, sowie Mitarbeitende in Transfer-, Nachhaltigkeits-und Hochschuldidaktikstellen.

Auf dieser Seite wird der Leitfaden im Überblick dargestellt. Die ausführliche Version steht Open Access als PDF zum Download zur Verfügung.

Abstract: Die Hochschullandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Globale ökologische Krisen, soziale Ungleichheiten und politische Polarisierung machen deutlich, dass Hochschulen nicht nur Orte der Wissensproduktion sind, sondern zentrale Akteurinnen gesellschaftlicher Transformation. Mit der Ausbildung zukünftiger Entscheidungsträger:innen in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft geht eine Verantwortung einher, die über Forschung und Lehre im engeren Sinne hinausreicht. Hochschulen sind gefordert, ihre Third Mission ernst zu nehmen und sich im Sinne eines Whole Institution Approach als Lern- und Gestaltungsräume nachhaltiger Entwicklung zu verstehen. In der Praxis zeigt sich: Das Bewusstsein für diese Verantwortung ist vielerorts vorhanden. Lehrende, Studiengangsverantwortliche und Studierende engagieren sich zunehmend für partizipative, praxisnahe und reflexive Lehr-Lern-Formate. Selten stößt die Idee, Lehre zukunftsorientiert weiterzuentwickeln, auf grundsätzliche Ablehnung. Gleichzeitig bleiben zentrale Fragen offen und hemmen die Umsetzung: Wo und wie fangen wir an? Wie lassen sich ambitionierte Ziele einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) konkret, realistisch und qualitativ hochwertig in der Hochschullehre umsetzen, ohne bestehende Strukturen vollständig überarbeiten zu müssen?

Was ist Service Learning?

Service Learning (häufig übersetzt als „Lernen durch Engagement“) ist ein Lehr-Lern-Format, das theoretisch fundiertes, wissenschaftliches Lernen systematisch mit gesellschaftlichem Engagement verknüpft.

Studierende arbeiten in kleinen Gruppen an realen Projekten mit externen oder hochschulinternen Praxispartner:innen, die an echte Bedarfe und Problemstellungen im Nachhaltigkeitskontext angebunden sind. Kennzeichnend ist, dass alle Beteiligten – Lehrende, Studierende und Praxisakteur:innen – unterschiedliche Wissensformen und Erfahrungen einbringen und in dialogischen Aushandlungsprozessen gemeinsam weiterentwickeln.

Kernmerkmal: gegenseitiger Nutzen

Service Learning unterscheidet sich von rein ehrenamtlichem Engagement und von klassischen Praxisphasen.

Lernziele und gesellschaftlicher Mehrwert werden bewusst miteinander verschränkt und durch begleitete Reflexionsphasen abgesichert.


Abgrenzung von ähnlichen Formaten (nach Furco 1996)

Grafik Service Learning nach Furco

Abbildung 1: Unterscheidung Service Programme (Furco-Spektrum)

→ Weiterführend: Service Learning

Welche Haltung braucht es?

Service Learning im HBNE-Kontext stellt besondere Anforderungen an die Haltung aller Beteiligten. Das Format bewegt sich in mehreren Spannungsfeldern:

  • zwischen Wissenschaft und Praxis
  • zwischen Offenheit und Struktur
  • zwischen normativer Zielorientierung und wissenschaftlicher Distanz
Grafik Service Learning Achsenkreuzg Spannungen

Abbildung 2: Spannungsverhältnisse im Service Learning (Achsenkreuz mit Offenheit/Struktur und Wissenschaft/Praxis)


Zentrale Haltungselemente für Lehrende:

  • Transformatives Lernen ermöglichen: Lehrende begleiten Lernprozesse, statt Wissen zu übertragen. Irritation, Reflexion und Auseinandersetzung mit realen Aufgaben sind erwünscht und werden als Lernanlässe interpretiert.
  • Begegnung auf Augenhöhe: Unterschiedliche Wissensformen und Rationalitäten aller Beteiligten werden anerkannt und als Grundlage produktiver Aushandlungsprozesse verstanden.
  • Transparente Normativität: Wertorientierungen (Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit…) werden weder verborgen noch aufgezwungen, sondern transparent gemacht und diskutiert.
  • Wissenschaftliche Qualität wahren: Service Learning reduziert keine akademischen Ansprüche – theoretische Fundierung, analytische Schärfe und kritische Reflexion bleiben zentral.

Wissenstransfer und RIUSL-Modell

Service Learning entfaltet sein Potenzial durch die gezielte Gestaltung von Wissenstransferprozessen – nicht als Einbahnstraße von Wissenschaft in die Praxis, sondern bidirektional.

Das RIUSL-Modell (Research – Integration – Utilization in Service Learning)

Entwickelt basierend auf dem RIU-Modell (Böcher & Krott, 2016). Versteht Wissenstransfer als zirkulären, reflexiven Prozess – nicht als linearen Ablauf.

Erstreckt sich über das gesamte Semester.


Grafik Service Learning RIUSL Modell

Abbildung 3: RIUSL-Modell – mit Research / Integration / Utilization und Seminar als Integrationsforum


Die drei Phasen des RIUSL-Modells

Phase Fokus Im Service-Learning-Seminar
Research Wissenschaftliches Wissen bereitstellen und reflektieren Theorieeinheiten: Konzepte, Modelle, Forschungsergebnisse kennenlernen und auf Projekte beziehen
Integration Wissenschaft, Praxis und Normativität in Dialog bringen Feedbackschleifen, Übersetzungsarbeit, Reflexion, wechselseitige Selektion wissenschaftlicher Konzepte für Praxisprobleme
Utilization Ergebnisse anwenden, übergeben und weiternutzen Konkrete Produkte, Konzepte oder Maßnahmen an Praxispartner:innen übergeben; Wirkung reflektieren

Rollen im Service Learning

Klare Rollenverteilung ist keine organisatorische Nebensache, sondern eine zentrale didaktische Voraussetzung. Das RIUSL-Modell macht deutlich, dass sich Verantwortung für Wissenstransfer auf unterschiedliche Phasen und Akteur:innen verteilt.

Überblick der Rollen

Akteur:in Rolle Kernverantwortlichkeiten
Lehrende Rahmung, Moderation, Qualitätssicherung Curriculare Einbettung, Theorieauswahl, Seminarstruktur, Reflexionsinitiierung, Rollendefinition
Studierende Lernende, Mitgestaltende, Wissensübersetzer:innen Theorieauseinandersetzung, eigenständige Projektarbeit, Übersetzung Wissenschaft ↔ Praxis, Selbstreflexion
Praxispartner:innen Ko-Produzent:innen, Resonanzraum Reale Bedarfe formulieren, Rückmeldung geben, Umsetzbarkeit einschätzen, Ergebnisse weiternutzen
Hochschule / Institution Ermöglichung, Verstetigung Curriculare Verankerung, Ressourcen, Koordinationsstellen, Sichtbarkeit, Third-Mission-Anbindung


Grafik Service Learning Akteurinnen

Abbildung 4: Rollenverteilung im Service Learning (KI-unterstützt erstellt)

Struktur-Szenarien: Theorie und Praxis im Semester

Wie Theorie- und Praxiseinheiten verknüpft werden, prägt Lernprozesse und Wissenstransfer. Der Leitfaden unterscheidet drei typische Szenarien:

Grafik Service Semesterweochen

Abbildung 5: Drei Struktur-Szenarien. Semesterwochen 1–14 mit Theorie/Praxis-Blöcken

Szenario Vorteile Nachteile Geeignet wenn...
1 – Blöcke (erst Theorie, dann Praxis) Fokussiertes Arbeiten; kein Parallelwechsel Wenig Praxiszeit; kaum Theorie-Praxis-Verknüpfung im Verlauf Projekte klein und klar umrissen
2 – Parallel (wöchentlicher Wechsel) Lange Projektlaufzeit; fortlaufender Theoriebezug Kaum zusammenhängende Theoriephasen; fehlende Grundlagenausbildung zu Beginn Kontinuierliche Projektarbeit gewünscht
3 – Integriert (empfohlen) Solide Grundlagen + wiederkehrende Theorie-Praxis-Verknüpfung; flexible Gruppenanwesenheit Anspruchsvollere Planung; Flexibilität bei Inhalten nötig Projekte mit gewisser Komplexität

Seminarablauf: Die vier Phasen

Ein Service Learning-Semester gliedert sich idealtypisch in vier Phasen, die den vier übergeordneten Leitfadenphasen (Orientierung, Gestaltung, Wirkung, Konkretisierung) entsprechen:

Phase RIUSL-Fokus Zentrale Elemente Ziel
1 – Einstieg & Orientierung Research & Rollenklärung Einführung SL & Thema des Seminars; Vorstellung Praxispartner:innen; Erwartungsklärung; Theoretische Grundlagen Gemeinsames Verständnis von Zielen und Verantwortung
2 – Projektentwicklung & Aushandlung Integration Projektkonzepte schärfen; Feedback- & Reflexionsformate; Austausch mit Praxispartner:innen; Zielanpassung Übersetzungsarbeit Wissenschaft ↔ Praxis
3 – Umsetzung & Begleitung Integration & Utilization Eigenständige Projektarbeit; Check-ins & Feedbackrunden; Reflexion von Herausforderungen Selbstwirksamkeit, Kompetenzentwicklung
4 – Abschluss, Übergabe & Reflexion Utilization & Auswertung Abschlusspräsentationen; Übergabe; gemeinsame Reflexion; Seminar-Evaluation; Anerkennung Lernzyklus abschließen; Anschlussperspektiven eröffnen

→ Ausführliche Schritt-für-Schritt-Übersicht: Ablauf eines Service Learning-Seminars

Qualität und typische Fallstricke

Service Learning entfaltet seine Wirkung nicht automatisch. Drei Qualitätsdimensionen sind zentral:

  • A – Didaktische Gestaltung und curriculare Einbettung: Service Learning muss integraler Bestandteil des Curriculums sein – nicht als Add-on. Klare Lernziele, systematische Verzahnung von Theorie-Praxis-Reflexion und transparente Leistungsanforderungen.
  • B – Kooperation, Rollenklärung und Aushandlung: Frühzeitige Abstimmung mit Praxispartner:innen, klar definierte Verantwortlichkeiten, Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
  • C – Wissenstransfer, Wirkung und Verstetigung: Projekte auf reale Bedarfe ausrichten; klare Übergabeformate; Reflexion über Wirkung; institutionelle Anbindung.

Häufige Fallstricke und Präventionstipps

Fallstrick Präventionstipp
Unklare Erwartungen zu Semesterbeginn Zu Semesterstart Rollen, Ziele, Anforderungen und Zeitaufwand explizit klären (z. B. Kooperationsvereinbarung)
Überambitionierte oder vage Projektaufgaben Projekte bereits in der Planungsphase skalieren: Was ist in einem Semester realistisch? Must haves vs. nice to haves?
Theorieinhalte nicht auf Projekte abgestimmt Von den Projekten her denken: typische Fragen und Stolpersteine identifizieren, darauf aufbauend Konzepte auswählen
Zu wenig Zeit für Reflexion Feste Reflexionsslots einplanen (Check-ins, Zwischenreflexionen, Abschlussreflexion)
Instrumentalisierende Rollenverständnisse Service Learning klar als Lehr-Lern-Format kommunizieren – kein Praktikum, keine günstige Arbeitskraft
Mangelnde institutionelle Unterstützung Frühzeitig Transfer-/Nachhaltigkeitsstellen einbinden; Service Learning in Modulhandbüchern sichtbar machen

Weiterführende Links und Ressourcen

Service Learning (Grundlagen): wiki.dg-hochn.de/wiki/Service_Learning

Praxisbeispiele: wiki.dg-hochn.de/wiki/Beispiele_für_Service_Learning-Projekte…

Seminarablauf: wiki.dg-hochn.de/wiki/Beispiel_für_einen_Ablauf…

Podcast: Re: Nachhaltige Hochschulen, Folge #10 – Service Learning im Fokus: Neue Wege für Lehre und Nachhaltigkeit


Leitfaden (Open Access)[1]

  1. 1,0 1,1 Hilf, Juliana; Böcher, Michael; Bremer, Ann-Kathrin; Hedemann, Katrin; Rieckmann, Marco & Lindau, Anne-Kathrin. 2026. Service Learning in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Ein hochschuldidaktischer Leitfaden. PoWiNE Working Paper – Magdeburger politikwissenschaftliche Beiträge zu Nachhaltigkeit in Forschung und Lehre. Bd. 5 (1/2026). UB Magdeburg. https://doi.org/10.24352/UB.OVGU-2026-052
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