Orientierungsrahmen für Nachhaltigkeitszertifikate, 29.05.26

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Viele Hochschulen engagieren sich bereits für eine nachhaltigkeitsorientierte Lehre und ermöglichen ihren Studierenden, erworbene Nachhaltigkeitskompetenzen über Zertifikate sichtbar zu machen. Der HUB INNO4BNE hat sich in verschiedenen Netzwerktreffen und digitalen Workshops damit beschäftigt, wie Zertifikate gestaltet werden können. Die Ergebnisse dieser Treffen bildeten die Grundlage für die Ausarbeitung eines Orientierungsrahmens zur Gestaltung von Nachhaltigkeitszertifikaten an Hochschulen. Das von einer kleinen Schreibgruppe entwickelte Papier soll einen Überblick über Qualifikationsziele und Kompetenzen geben, mögliche Umsetzungswege aufzeigen und Mindestanforderungen zugunsten der Vergleichbarkeit von Zertifikaten vorschlagen. Es soll eine orientierende, inspirierende und zugleich legitimierende Funktion haben. Am 29.05.26 wurde das finale Ergebnis nach der ExpertInnen-Feedback-Runde von Leonie Bellina (Universität Tübingen) und Patrick Hintze (Universität Duisburg-Essen) vorgestellt.

Orientierungsrahmen für Nachhaltigkeitszertifikate, 29.05.26
Datum
Fr 29 Mai 2026 14:00 Uhr
Schwerpunkte

Nachhaltigkeitszertifikate
Bezug Wiki-Themen




Überblick

Präsentation NEZ-Orientierungsrahmen
Präsentation NEZ-Orientierungsrahmen

Hintergrund und Zielsetzung

Der Orientierungsrahmen für Nachhaltigkeitszertifikate (NEZ) soll:

  • Orientierung im Feld für verschiedene Stakeholder schaffen
  • Transparenz und Vergleichbarkeit durch Mindestanforderungen erhöhen
  • Qualitätskriterien für Inhalte, Strukturen und Verfahren etablieren
  • Umsetzungshilfen und Beispiele für Zertifikatskonzepte bereitstellen
  • Qualitätsentwicklung durch Evaluation und iterative Weiterentwicklung fördern

Der Rahmen ist als „living framework“ konzipiert und soll durch Praxiserfahrungen weiterentwickelt werden.

Wichtig: NE-Zertifikate sind kein Ersatz für BNE in Studiengängen, sondern eine ergänzende Qualifikation!


Vorteile von Nachhaltigkeitszertifikaten

Zielgruppe Vorteile
Studierende Zugang zu BNE, Verständnis für NE, Befähigung zu Transformationsprozessen, Fachkompetenz NE
Lehrende Eigenes Interesse einbringen, motivierte Studierende, interdisziplinäre Lernräume testen
Studiengänge Ergänzendes Lernangebot, zusätzliche Qualifikation, polyvalente Modulnutzung
Hochschulen Profilbildung, Attraktivitätssteigerung, Erfüllung von Zielvorgaben, innovative Lehre

Qualifikationsziele und Zertifikatstypen

NE-Zertifikate qualifizieren Studierende für:

  • Fundiertes Verständnis von Nachhaltiger Entwicklung
  • Reflektierte und aktive Beteiligung an gesellschaftlichen Transformationsprozessen
  • Entwicklung innovativer Lösungen für Nachhaltigkeitsprobleme (Change-Agent-Rolle)


Unterschiede zwischen NE- und BNE-Zertifikaten

Zertifikatstyp Zielgruppe Schwerpunkt Kompetenzerwerb
NE-Zertifikat Studierende aller Fachrichtungen Fundiertes NE-Verständnis + aktive Gestaltung von Transformationsprozessen Kernkompetenzen für NE
BNE-Zertifikat Lehramtsstudierende BNE-Verständnis + Umsetzung in der eigenen (Fach-)Lehre Lehrkompetenzen für BNE
BNE-Fortbildung Lehrende (berufsbegleitend) BNE-Verständnis + Umsetzung in der eigenen (Fach-)Lehre Lehrkompetenzen für BNE

Mindestanforderungen an NE-Zertifikate

Gestaltung der Lehre

NE-Zertifikate müssen zwei Lehrformen kombinieren:

  1. Lehre mit Nachhaltigkeitsbezug (Wissenserwerb zu Nachhaltigkeitsthemen)
  2. Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) (Erwerb der Kernkompetenzen für Nachhaltige Entwicklung; aktive Mitgestaltung von Transformation)

Schlüsselstellen für die Lehrgestaltung

  • Constructive Alignment: Abstimmung von BNE-Lernzielen, -Didaktik und kongruenten Prüfungsformaten
  • Interdisziplinäre Ansätze zur Bearbeitung von NE-Herausforderungen
  • Sicherstellung, dass Studierende:
    • Fundiertes NE-Wissen erwerben
    • Normativ-reflektive und partizipativ-handlungsorientierte Lerngelegenheiten erhalten
    • Wissen, Praxis und Reflexion verknüpfen und dokumentieren

Zertifikatskonzept und -Aufbau

  • Inhaltliches Konzept: Bezug zum State of the Art der Nachhaltigen Entwicklung
  • Didaktisches Konzept: Bezug zum State of the Art der BNE, die den Kompetenzerwerb ermöglicht
  • Klare Qualifikationsziele und Kernkompetenzen für NE
  • Plausibler Aufbau und Verlauf (z. B. Studierbarkeit, sinnvolle Wahlmöglichkeiten)
  • Nachvollziehbare Nachweise der erworbenen Kompetenzen

Evaluation und Qualitätsmanagement

  • BNE-spezifische Evaluation auf vier Ebenen:
    1. Veranstaltungsebene (Einzelne Lehrveranstaltungen)
    2. Wirkungsebene (Kompetenzentwicklung der Studierenden)
    3. Programmebene (Zertifikat)
    4. Institutionelle Ebene (Hochschule)
  • Stakeholder-Einbindung (Lehrende, Studierende, Hochschulleitung)

Ressourcen und Organisation

  • Bereitstellung adäquater Ressourcen durch die Hochschule
  • Verortung der Verantwortlichkeiten (z. B. Nachhaltigkeitsbüros, Fakultäten)
  • Weiterbildung der Lehrenden in BNE-Didaktik

Curriculare Umsetzungsmodelle

NE-Zertifikate können auf drei Ambitionsniveaus umgesetzt werden:

Level Name Charakteristika Didaktik Qualifikationsanspruch
A Ergänzung zur Lehre Module mit NE-Bezug Primär Fachdidaktik Nachhaltigkeitsbezogenes Lernen
B Integration in die Lehre BNE in Zertifikat & Module integriert Didaktisch/methodische Veränderung Richtung BNE Kompetenzerwerb für NE
C Reorientierung der Lehre Aufbau & Module an BNE orientiert BNE-Didaktik + kongruente Prüfungsformen Strukturierter & vertiefter Kompetenzerwerb

Empfohlener Aufbau für NE-Zertifikate

  1. Einführung (NE-Grundlagen, NE-Methoden)
  2. Wahlbereiche (NE-Themen, handlungsorientierte Projekte)
  3. Capstone (Integration des Lernens, Reflexion, Evaluation)

!Hinweis:

  • Level A = Nachhaltigkeitsschwerpunkt (kein Zertifikat im engeren Sinne, da Kompetenzerwerb nicht gezielt verfolgt oder nachgewiesen werden kann)
  • Level B & C = Zertifizierung von Kompetenzen und Wissen (mit Leistungsnachweis)

Institutionelle Verankerung & Stakeholder-Beteiligung

Formale Ebene

  • Institutionelle Verankerung als Teil des grundständigen Bildungsangebots
  • Klare Perspektive zur Verstetigung (auch bei Zertifikatsaufbau über Projektmittel)
  • Beschlüsse der Hochschul- und Leitungsgremien
  • Rechtlicher Rahmen im Bundesland und der Hochschule beachten

Zertifikatsvergabe

  • Bisher kaum formal geregelt
  • Qualifizierungsanspruch muss nachweisbar sein (Prüfung/Leistungsnachweis)
  • Microcredentials als Chance zur Formalisierung (EU-Vorgaben: education.ec.europa.eu)

Schritte zur Umsetzung

  1. Fundiertes Konzept entwickeln
  2. Formale Rahmenbedingungen klären
  3. Key-Stakeholder identifizieren (Nachhaltigkeitsbüros, Fakultäten, Studierende, Lehrende, evtl Hochschuldidaktik)
  4. Institutionelles Commitment sichern
  5. Windows of Opportunity nutzen (z. B. Akkreditierungsprozesse)
  6. Erfolge kommunizieren
  7. BNE-spezifische Programmevaluation & QM etablieren


Vernetzung & Community-Building

Maßnahmen für langfristig erfolgreiche NE-Zertifikate

  • Austauschräume für Beteiligte; Peer-Learning & Weiterbildung
  • Wissensmanagement: Dokumentation von Beispielen und Angeboten
  • Hochschulübergreifende Qualitätsentwicklung: Vergleichbarkeit, Anrechnungsfähigkeit
  • Forschung zu Formaten und Wirkungen: Longitudinale Studien
  • Weiterentwicklung des Orientierungsrahmens als „living framework“

Herausforderungen & Lösungsansätze

  • Fehlende Plattformen für hochschulübergreifenden Austausch (Beispiel: Sustanikum der BOKU Wien)
  • Finanzierung von Forschung (z. B. Metastudien zu Zertifikatswirkungen)
  • Integration in Ordnungsmittel (z. B. Landeshochschulgesetze)


Fragen & Diskussionspunkte

Wie verknüpft man Hochschuldidaktik mit BNE?

  • Hochschuldidaktik: Formate & Methoden (Service Learning, interaktive Formate).
  • BNE: Inhalte & Ziele & BNE-geeignete Formate/ Methoden (spezifisch für Nachhaltigkeitskompetenzen).
  • Lösung: Weiterbildungen für Lehrende, sowohl zu BNE als auch – über Hochschuldidaktik – zum Erlernen geeigneter Formate; Peer-Learning; externe Expertise einholen.

Was zählt als Zertifikat?

  • Level A: Schwerpunkt (kein Zertifikat, 5–10 ECTS).
  • Level B/C: Zertifikat (mit Prüfung, 15–30 ECTS).
  • Anrechnung: Kooperationsvereinbarungen oder Micro-Credentials.

Was, wenn in bestehenden Programmen Level A als „Zertifikat“ bezeichnet wird?

  • Das steht jeder Hochschule frei. A ist ein guter, niedrigschwelliger Einstieg in Nachhaltigkeitsbezogene Zusatzqualifikation für Studierende. Der Unterschied zwischen Schwerpunkt (A) vs. Zertifikat (B/C) wird ggf. im Zuge der Hochschulübergreifenden Vergleichbarkeit gemacht.
  • Transparenz: Klare Kommunikation, was gelernt und tatsächlich nachgewiesen werden kann.

Warum 20–30 ECTS für Level C?

  • Höherer Aufwand (Forschendes Lernen, inter/transdisziplinäre Formate, und Abschluss mit Capstone) für vertieften NE-Kompetenzerwerb kann realistisch nicht in wenigen ECTS umgesetzt werden.
  • Flexibel: Zahlen sind Orientierungsgrößen/Empfehlungen.

Können Hochschulen Lehrveranstaltungen teilen?

  • Ja: Gemeinsame Module, Plattformen (z. B. Sustainicum, Virtuelle Akademie).
  • Herausforderung: Fehlende zentrale Organisation in DE.


Gibt es eine Exit-Strategie?

  • Nein! NEZ bleiben dauerhaft. Auch bei zukünftiger voller Integration von BNE in alle Studiengänge ist eine nachweisbare Zusatzqualifikation attraktiv für Studierende und Arbeitsmarkt.
  • Integration in Studiengänge: wünschenswert, aber aufwendig – langfristiges Ziel.


Kann man bestehende Zertifikate prüfen lassen?

  • Selbstbewertung anhand des Orientierungsrahmens.
  • Externe Begutachtung optional (z. B. Netzwerke oder durch ExpertIn).


Braucht es bundesweite Standards?

  • Je Bundesland sehr sinnvoll wg. Ermöglichen hochschulübergreifender Teilnahmen/Anerkennung; bundesweite Standards/Vergleichbarkeit ebenfalls hilfreich.


Weiterführende Links

Deutsche Gesellschaft für Nachhaltigkeit an Hochschulen (DG HochN) (2025): BNE Empfehlungen. Online abrufbar unter https://wiki.dg-hochn.de/wiki/BNE_Empfehlungen (Stand: 24.11.2025)

Bellina, L.; Tegeler, M.K.; Müller-Christ, G.; Potthast, T. (2020): Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Hochschullehre. BMBF-Projekt „Nachhaltigkeit an Hochschulen: entwickeln – vernetzen – berichten (HOCHN)“, Bremen und Tübingen. Online abrufbar unter https://www.hochn.uni-hamburg.de/-downloads/handlungsfelder/lehre/hochn-leitfaden-lehre-2020-neu.pdf (letzter Abruf am 24.11.2025)

HRK (2023): Microcredentials an Hochschulen – strategische Entwicklung und Qualitätssicherung. Ergebnisse der Zukunftswerkstatt Microcredentials. Berlin. Online abrufbar unter https://www.hrk-modus.de/media/redaktion/Downloads/Publikationen/MODUS/Ergebnisse_der_ZW_Microcredentials_WEB_01.pdf (letzter Abruf am 24.11.2025).